Was du als Ahnenforscher von Radfahrern lernen kannst

Es ist Sommer.

Gartenzeit.

Urlaubszeit.

Die Genealogie-Mailinglisten scheinen verwaist.

Während der eine seinen Sommerurlaub am Strand liegend mit der neuesten genealogischen Zeitschrift auf dem Schoß verbringt, nutzt der andere die warme Jahreszeit lieber zur Erkundung der Geschichte seiner Urlaubsgegend mit dem Rad.

Vielleicht nutzt du den Sommer ja für eine Besuchsreise zu entfernteren Verwandten. Oder du machst eine größere Fahrradtour und besuchst die Orte deiner Vorfahren.

Jens Bemme, der Autor des folgenden Beitrages, fährt nicht nur leidenschaftlich gern Rad. Er erforscht historisches Radfahrerwissen: Tourenbücher, regionale Radfahrerbünde und Radfahrvereine – und Dorfbacköfen, wenn es sich ergibt. Beruflich arbeitet er im Referat Saxonica der Sächsischen Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Studiert hat er Verkehrswirtschaft an der TU Dresden. Citizen Science (Bürgerwissenschaft) war damals noch kein Begriff – nun aber verbinden sich diese Themen.

Aber was hat Radfahren nun mit Ahnenforschung zu tun?

Ich verrat es dir: Viel!

Was für Radfahrer interessant und wichtig war/ist, kann für die Erforschung deiner Familiengeschichte oder die Dokumentation deiner Ortsgeschichte überaus hilfreich sein. Hier erfährst du wie Ahnenforschung und Ortsgeschichtsschreibung von historischen Radfahrerbüchern profitieren können.

Urlaubszeit: Alte Adressen auf zwei Rädern

Ein Gastbeitrag von Jens Bemme.

Die Zeit zwischen 1880 und 1930 hat erkennbar Spuren hinterlassen: Die Welt war in Bewegung. Mehr und mehr Menschen fuhren Fahrrad – erst nur die Männer, dann auch Frauen und Kinder. Freie Zeit wurde erschwinglich. Reisen wurden wichtiger. Für Radwanderungen und -reisen erschienen Tourenbücher und -karten. Mit Zeitungen wandten sich Radfahrerbünde an „die Radlerin“ und an „den Radler“.

Adressen, Berufe und Vereins“meierei“ der Radfahrer 1897

Im Jahrbuch der deutschen Radfahrer-Vereine lassen sich heute die Namen, Berufe, Adressen, Vereinsfunktionen, Besonderheiten sowie die Treffpunkte und die regelmäßigen Zeiten der Radfahrerclubs von 1896/97 erkunden. All diese historischen Aufzeichnungen sind gute Gelegenheiten Radfahrergeschichte zu erforschen – die eigene, die der Vorfahren oder auch ganzer Stadtteile und Gemeinden. Nicht nur im Stadtwiki Dresden werden die historischen Radfahreradressen mit anderen bereits bestehenden Artikeln verknüpft, die weiteres Wissen für diese Wohnorte bieten.
Die Details sehen im Radfahrer-Jahrbuch von 1897 dann auf ca. 300 von 440 Seiten – hier beispielhaft für Dresden – so aus:

—. Dr. RV Sturmvogel (B). Prot: Kgl. Hoh. Prinz Max, Herz. zu Sachsen, adr a. d. 1. Vs: Max Strohbach, Hoftraiteur, Ostra-Allee 15. 2.: Anton Scheunert, Kfm., Markgraf-Heinrichstr. 22. 1. Sch: Paul Hahn, Kfm., Altstadt, Blumenstr. 2. 2.: Oscar Kersting, Kfm., Altstadt, Bischofsweg 44. K: W. Schwanhäuser. Kfm., Altstadt, Strehlenerstr. 18. F: H. Osang, Fabrikbes., Altstadt, Neugasse 30. M: 48. Clublokal: Musenhaus, Pirnaischestr. Cla: Do 9. G: 1886. VO: DRB u. Dr Nachr. ⚐ Ee.

ODER

—. RV Schwalbe (B ). Vs: Max Mittag, Stiftstr. 12. III. Sch: Wilhelm Hillig. Am See 24 I. F: Ernst Kühne, Plauen b. Dresd., Poststr. 15. M: 11. G: 1894.
—. RV Teutonia (U.) Hotelz. d. Bahnhöfen, Uferstr. 1. Vs: Max Böhme, Kfm.; Grossenhainerstr. 24. 2.: Ct Mader, Photogr., Gr. Plauenschestr. 11. Sch: Felix Haufe, Bur.-Assistent, Bischofsweg 54. K: Curt Perthen, Arch., Uferstr. 8. 1. F: Paul Kürbach, Klempnermstr., Grossenhainerstr. 32. 2: Osm. Kegel, Schlosserm., Hechtstr. 54. M: 19. Clublokal: Hotel z. d. Bahnhöfen. Cla: Fr. Gw. G: 1889. VO: Der Deutsche Radfahrer. bZ: Tfa.versch. 2 Preise. 1897: Frühjahrern. Stf. Juni.

Das Jahrbuch der deutschen Radfahrer-Vereine wurde 2016 in der SLUB Dresden digitalisiert. Und kann seitdem online von jedem erkundet werden. Die dabei durch OCR (optische Zeichenerkennung) gewonnenen Texte werden seit dem Winter in einem Wikisourceprojekt korrigiert.

Jeder kann dabei mithelfen. Unterstützung ist willkommen, damit die Seiten möglichst korrekt als verlässliche Quelle für Forschung dienen können.

In welchen Vereinen fuhren unsere Urgroßväter Rad?

War Urgroßvater etwa der Vorsitzende eines Radfahrervereins, Stellvertreter, Zeugwart oder Schriftführer?
Wo gab es das nächste Bundeshotel, ein Bundesgasthaus, eine Bundeseinkehrstelle oder eine Rennbahn.
Und wohin fuhren sie damals mit ihren „Maschinen“?

Die alten Handbücher und die Zeitungen der regionalen Radsportbünde berichten davon. Manche wurden bereits digitalisiert und sind für jeden jederzeit von zu Hause aus lesbar. Oder im Zelt auf dem Campingplatz. Die Frage, „Gab es hier vor gut einhundert Jahren einen Radfahrerverein?“ passt in jedem Urlaubsort so gut in die Landschaft, wie zu Hause.
„Und, ab wann fuhren hier auch die Frauen und Kinder mit dem Fahrrad?“ erweitert diese kleine Forschungsfrage sogleich noch um eine Spur Gesellschaftspolitik.

Wer im Sommer einfach nur Rad fahren möchte, der oder dem seien die zahlreichen historischen Tourenbücher empfohlen, die übrigens bereits in vielen Bibliotheken digitalisiert wurden.

Alte Straßen für die Radreiseplanung

Die beschriebenen Straßen und Wege der Tourenbücher, die vor und nach 1900 für Radfahrer gedruckt wurden, dürften in den meisten Fällen noch an Ort und Stelle sein. Die Bücher sind also heute noch für Reiseplanungen geeignet, mal „einfach“ tabellarisch, mal mit ausführlichen Beschreibungen und persönlichen Reiseberichten. Einige Bücher enthalten üppige Anzeigenteile – und sind damit interessantes Material für die Heimatforschung, für die Familien- und die regionale Wirtschaftsgeschichte, auch über die (heutigen) deutschen Grenzen hinaus.

Das Jahrbuch der Radfahrervereine als wichtige Quelle für die Ahnenforschung

Ein Fazit des Archivbegleiters.

Wie Jens Bemme zeigt, bieten die historischen Veröffentlichungen für Radfahrer viele interessante Inhalte. Und das nicht nur für Fahrradfahrer.

Neben Namen und Adressen können den historischen Aufzeichnungen Informationen zu Beruf und Funktion der Vereinsmitglieder entnommen werden. Als ergänzende Quelle zu den historischen Adressbüchern bieten die Auflistungen der Fahrradvereine somit Hilfe bei der Ermittlung von Wohnorten und Berufen deiner Vorfahren.

Herausragenden Persönlichkeiten und ihrem Schaffen sind hier sogar ganze Porträts gewidmet, die ebenso weiterführende biografische Informationen enthalten.

Hintergrundinformationen zu den deutschen Staaten und hilfreichen Hinweise zu den Vereinsorten geben uns Nachlebenden darüber hinaus wertvolles Orientierungswissen. Mal ehrlich, wie viele von uns kennen heute noch die politischen Landkarte des Deutschen Reiches im 19. Jahrhundert?

Auch Ortsverzeichnisse und die abgedruckten Empfehlungen zu den Radtouren können dir durchaus wichtige Unterstützung bei der Ermittlung von Orten sein.

Abseits der üblichen Quellen

Zugegeben, das Jahrbuch der Radfahrervereine ist wahrscheinlich eine sehr spezielle Quelle für die Ahnenforschung. Doch sind es vielleicht genau solche historischen Aufzeichnungen, die dir helfen können, wenn du mit deinen Forschungen mal in einer Sackgasse steckst.

Hier noch einmal alle genannten Quellen auf einen Blick:

Quellensammlung:

Über solche und ähnlich Veröffentlichungen von Vereinen konnte ich allerdings in der Vergangenheit schon so manches brauchbare Hintergrundwissen erlangen.
Es lohnt sich also ab und an abseits von den üblichen genealogischen Quellen nach Informationen zu suchen.

In diesem Sinne wünsche ich viel Erfolg bei der Erforschung deiner Familiengeschichte. Und als Radfahrer immer genügend Luft in den Reifen.

Dein persönlicher Archivbegleiter

Lars Thiele

 

P.S. Lass Dir beim Finden helfen!

Lars ist studierter Historiker, leidenschaftlicher Rechercheur und Gründer von Recherchedienst Thiele. Seit mehr als 10 Jahren lebt und arbeitet er in Dresden. Er sucht für dich in den "Schätzen" sächsischer Archive und hilft Dir auf archivbegleiter.de deine Ahnenforschung und Archivsuche noch erfolgreicher zu machen.

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(c) Der Archivbegleiter by Lars Thiele - 2017.

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